Artemisia annua bei Parasiten und Entwurmung: Was sagt die Forschung?
Rund um Artemisia annua kursieren viele Berichte über „Parasitenkuren“ und natürliches Entwurmen (englisch „Deworming“). Was ist dran? Wir haben uns angesehen, welche Parasiten tatsächlich untersucht wurden, bei wem – und mit welchem Ergebnis. Kurz gesagt: Es gibt interessante Forschung, aber keinen Beleg dafür, dass Tee oder Pulver eine Wurmkur ersetzen.
Warum Artemisia annua mit Parasiten in Verbindung gebracht wird
Der Ruf als „Parasitenpflanze“ kommt nicht von ungefähr: Artemisinin, der bekannteste Inhaltsstoff von Artemisia annua, ist die Grundlage einiger der wichtigsten Malaria-Medikamente der Welt. Malaria wird von einem einzelligen Parasiten (Plasmodium) ausgelöst. Für die Entdeckung von Artemisinin gab es 2015 den Medizin-Nobelpreis – mehr dazu im Artikel Artemisinin: Was ist das?
Daraus wird im Internet oft gefolgert, die Pflanze helfe gegen „Parasiten“ ganz allgemein – also auch gegen Würmer, Darmparasiten oder als regelmäßige „Parasitenkur“. Das ist ein großer Sprung. Denn:
- Parasit ist nicht gleich Parasit. Einzeller wie Malaria-Erreger oder Kokzidien sind biologisch völlig anders aufgebaut als Würmer (Helminthen) wie Spul-, Band- oder Madenwürmer.
- Arzneimittel ist nicht gleich Pflanze. Medikamente enthalten halbsynthetische Artemisinin-Abkömmlinge in genau festgelegter Dosis. In Tee oder Pulver schwankt der Gehalt stark – und andere Inhaltsstoffe kommen hinzu.
Schauen wir uns deshalb an, was tatsächlich untersucht wurde.
Die Studienlage im Überblick
| Parasit | Wer wurde untersucht? | Womit? | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Malaria (Plasmodium) | Menschen | Artemisinin-Derivate als Arzneimittel (Kombinationstherapie) | wirksam, weltweiter Standard – aber als Medikament, nicht als Tee |
| Malaria (Plasmodium) | Menschen | Tee/Pulver der Pflanze | WHO rät ab: Gehalt schwankt, Resistenzgefahr |
| Bilharziose (Schistosoma) | Menschen | Artesunat/Artemether (Arzneimittel) | allein schwächer als Standardmittel Praziquantel, in Kombination teils höhere Heilungsraten |
| Bilharziose (Schistosoma) | Menschen | Artemisia-Tee | bekannteste Studie 2020 zurückgezogen |
| Magen-Darm-Würmer (v. a. Haemonchus) | Schafe | Extrakt und Artemisinin, Einzelgabe | im Labor aktiv, im Tier praktisch keine Wirkung |
| Kokzidien (Eimeria) | Masthühner | getrocknete Blätter im Futter | weniger ausgeschiedene Erreger-Eier |
Malaria: der eine gut belegte Fall – als Medikament
Bei Malaria ist die Wirkung von Artemisinin-Abkömmlingen zweifelsfrei belegt. Sie sind Bestandteil der von der WHO empfohlenen Kombinationstherapien (ACT) und in Deutschland verschreibungspflichtig.
Für Zubereitungen aus der Pflanze sieht es anders aus: Die WHO unterstützt die Verwendung von Artemisia-Pflanzenmaterial in jeder Form ausdrücklich nicht – weder zur Vorbeugung noch zur Behandlung von Malaria. Der Wirkstoffgehalt schwankt, reicht oft nicht aus, um alle Erreger zu beseitigen, und eine breite Anwendung könnte die Entstehung von Resistenzen beschleunigen, was die wichtigsten Malaria-Medikamente gefährden würde. Mehr dazu auf unserer Seite zu Malaria.
Bilharziose: Derivate in Kombination, Tee-Studie zurückgezogen
Die Bilharziose (Schistosomiasis) wird von Saugwürmern verursacht und ist in tropischen Regionen weit verbreitet. Eine systematische Übersichtsarbeit (Pérez del Villar et al., 2012) wertete Studien zu Artesunat und Artemether aus:
- Allein waren die Artemisinin-Derivate weniger wirksam als das Standardmittel Praziquantel.
- In Kombination mit Praziquantel zeigten sich höhere Heilungsraten als mit Praziquantel allein.
- Auch vorbeugend senkten die Derivate in Studien die Infektionsrate – die Autoren weisen aber auf kleine Studien unterschiedlicher Qualität hin.
Großes Aufsehen erregte 2018 eine Studie aus dem Kongo, in der Artemisia-Tee bei Bilharziose angeblich sehr gut abschnitt (Munyangi et al.). Die Fachzeitschrift Phytomedicine hat diese Studie 2020 zurückgezogen – ebenso eine Malaria-Studie derselben Gruppe. Genannt wurden Zweifel an der rechtzeitigen Genehmigung durch die Ethikkommission, an der Einwilligung der Teilnehmenden und an der Zuverlässigkeit der Daten. Diese Arbeiten werden zwar noch oft zitiert, sind aber kein Beleg.
Würmer bei Wiederkäuern: im Labor ja, im Tier kaum
Die bislang gründlichste Untersuchung zu Würmern stammt aus Brasilien (Cala et al., 2014). Getestet wurde gegen Haemonchus contortus, einen blutsaugenden Magenwurm, der Schafen und Ziegen stark zusetzt.
- Im Reagenzglas hemmten Extrakte aus Artemisia-annua-Blättern das Schlüpfen der Wurmeier und die Entwicklung der Larven deutlich.
- Im Tier sah es anders aus: Schafe, die eine Einzelgabe Extrakt oder Artemisinin erhielten, zeigten keine signifikante Abnahme der Wurmeier im Kot (–19 % bzw. –28 %). Das konventionelle Wurmmittel Levamisol senkte die Eizahl dagegen um 97 %.
- Positiv: Bei den behandelten Tieren blieb der Blutwert (Hämatokrit) stabil, während er bei unbehandelten Tieren sank.
Das Fazit der Autoren ist deutlich: In dieser Form seien Extrakt und Artemisinin „unwirksame natürliche Wurmmittel“. Sie schlagen vor, besser verfügbare Abkömmlinge, wiederholte Gaben oder Kombinationen mit herkömmlichen Wurmmitteln zu prüfen.
Kokzidien beim Geflügel: ein vielversprechender Ansatz
Etwas besser sieht es bei Kokzidien aus – einzelligen Darmparasiten (Eimeria), die in der Geflügelhaltung große Verluste verursachen können. In einer Studie mit Masthühnern in dänischer Freilandhaltung (Veterinary Parasitology, 2012) erhielten die Tiere getrocknete Artemisia-annua-Blätter im Futter und wurden auf natürlichem Weg mit Kokzidien infiziert.
- Die Hühner mit Artemisia im Futter schieden signifikant weniger Kokzidien-Eier (Oozysten) aus.
- Klinische Erkrankungen traten in keiner Gruppe auf.
- Auf die Gewichtszunahme wirkte sich der Zusatz je nach Rasse und Geschlecht unterschiedlich aus.
Weitere Studien, vor allem aus der Geflügelforschung, untersuchen Artemisia-annua-Pulver und -Extrakte als pflanzliche Alternative oder Ergänzung zu Kokzidiostatika. Hier lohnt es sich, die Forschung weiter zu verfolgen – praxisreife, zugelassene Produkte sind daraus aber nicht automatisch abzuleiten. Mehr zum Thema Futtermittel auf unserer Seite Tiernahrung.
Was bedeutet das für Menschen?
Für Würmer oder Darmparasiten beim Menschen – etwa Madenwürmer, Spulwürmer, Bandwürmer oder Giardien – gibt es keine belastbaren Studien, die eine Wirkung von Artemisia-annua-Tee, -Pulver oder -Tinktur zeigen.
Das heißt konkret:
- Ein Verdacht auf Parasiten gehört in ärztliche Hände. Viele Beschwerden, die im Internet als „Parasiten“ gedeutet werden, haben andere Ursachen. Eine Stuhluntersuchung schafft Klarheit.
- Wurmbefall ist gut behandelbar – mit zugelassenen Medikamenten, die in der Regel kurz eingenommen werden.
- Vorsicht bei „Parasitenkuren“. Kuren mit hohen Mengen Kräutern über Wochen sind nicht risikofrei. Artemisia annua kann mit Medikamenten wechselwirken und ist in Schwangerschaft und Stillzeit nicht geeignet. Details unter Nebenwirkungen.
- Reisen in Malariagebiete: Hier ersetzt Artemisia-Tee keine ärztlich verordnete Prophylaxe – die WHO rät ausdrücklich davon ab.
Und bei Hund, Katze und Pferd?
Für Hunde, Katzen und Pferde gibt es bisher keine aussagekräftigen Studien zur Entwurmung mit Artemisia annua. Empfehlungen aus Foren beruhen auf Einzelberichten.
Für Haustiere gilt deshalb: Die Entwurmung am besten mit der Tierarztpraxis abstimmen. Bewährt hat sich ein Vorgehen nach Risiko – etwa mit regelmäßigen Kotuntersuchungen und gezielter Behandlung, wie es die Fachgesellschaft ESCCAP empfiehlt. So werden Tiere nur behandelt, wenn es nötig ist, was auch der Entstehung von Resistenzen gegen Wurmmittel entgegenwirkt.
Wer Artemisia annua ergänzend füttern möchte, sollte das ebenfalls vorher mit dem Tierarzt besprechen. Hintergründe findest du auf unseren Seiten zu Hunden und Pferden.
Fazit
- Belegt ist die Wirkung von Artemisinin-Arzneimitteln gegen Malaria.
- Vielversprechend, aber nicht praxisreif sind Ergebnisse zu Kokzidien beim Geflügel und zu Artemisinin-Derivaten in Kombination mit Praziquantel bei Bilharziose.
- Nicht belegt ist, dass Tee, Pulver oder Tinktur aus Artemisia annua Würmer oder andere Parasiten bei Mensch oder Haustier zuverlässig beseitigen. Die einzige gute Studie zu Würmern (Schafe) fiel negativ aus, eine viel zitierte Tee-Studie wurde zurückgezogen.
Artemisia annua ist eine faszinierende Pflanze mit spannender Forschungsgeschichte – eine Wurmkur ersetzt sie nach heutigem Wissen nicht.
Häufige Fragen
Kann man mit Artemisia annua Würmer loswerden?
Dafür gibt es keinen belastbaren Nachweis. In der bisher aussagekräftigsten Studie an Schafen mit Magen-Darm-Würmern war eine Einzelgabe Artemisia-Extrakt praktisch wirkungslos, während das herkömmliche Wurmmittel die Wurmeier um 97 % senkte. Bei Wurmbefall sind zugelassene Wurmmittel das Mittel der Wahl.
Wirkt Artemisinin gegen Parasiten?
Artemisinin und seine Abkömmlinge wirken nachweislich gegen Malaria-Erreger und werden bei Bilharziose (Schistosomiasis) in Kombination mit Praziquantel erforscht. Das sind aber Arzneimittel in definierter Dosis – nicht vergleichbar mit Tee oder Pulver aus der Pflanze.
Ist Artemisia annua für die Entwurmung von Hunden geeignet?
Zu Hunden gibt es keine aussagekräftigen Studien. Die Entwurmung von Hund und Katze sollte mit der Tierarztpraxis abgestimmt werden, zum Beispiel nach Kotuntersuchung und Empfehlungen der Fachgesellschaft ESCCAP.
Was ist mit den Studien zu Artemisia-Tee bei Bilharziose?
Die bekannteste Studie dazu aus dem Kongo (Munyangi et al., 2018) wurde 2020 von der Fachzeitschrift Phytomedicine zurückgezogen – unter anderem wegen Zweifeln an der Zuverlässigkeit der Daten. Sie taugt deshalb nicht als Beleg.
Gibt es positive Ergebnisse bei Tieren?
Ja, vor allem bei Kokzidien (einzellige Darmparasiten) beim Geflügel: In einer Studie an Freilandmasthühnern schieden Tiere, die getrocknete Artemisia-annua-Blätter im Futter bekamen, deutlich weniger Erreger-Eier aus. Das ist ein Hinweis, aber noch keine praxisreife Empfehlung.
Weiterlesen
Quellen
- Cala A. C. et al. (2014): Anthelmintic activity of Artemisia annua L. extracts in vitro and the effect of an aqueous extract and artemisinin in sheep naturally infected with gastrointestinal nematodes. Parasitology Research 113(6): 2345–2353 – https://link.springer.com/doi/10.1007/s00436-014-3891-z
- Studie zu getrockneten Artemisia-annua-Blättern bei Kokzidien in Freiland-Masthühnern, Veterinary Parasitology (2012), PubMed 22154969 – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22154969
- Pérez del Villar L. et al. (2012): Systematic Review and Meta-Analysis of Artemisinin Based Therapies for the Treatment and Prevention of Schistosomiasis. PLoS ONE 7(9): e45867 – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3448694
- Retraction Watch (2020): Bericht zur Rücknahme der Munyangi-Studien zu Artemisia-Tee bei Malaria und Bilharziose – https://retractionwatch.com/2020/08/05/a-bitter-aftertaste-legal-threats-alleged-poisoning-muddy-the-waters-for-a-trial-of-a-tea-to-treat-malaria/
- esanum (2020): The Artemisia Affair – What lessons can be learned? – https://www.esanum.com/today/posts/the-artemisia-affair-what-lessons-can-be-learned
- WHO (2019): The use of non-pharmaceutical forms of Artemisia – https://www.who.int/news/item/10-10-2019-the-use-of-non-pharmaceutical-forms-of-artemisia
- ESCCAP Deutschland: Empfehlungen zur Entwurmung von Hund und Katze – https://www.esccap.de
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche oder tierärztliche Beratung und gibt keine Heilversprechen. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke.
































